- Welche Auswirkungen eine empathische Kommunikation auf den Behandlungserfolg und das Wohlbefinden von PatientInnen hat
- Welche unterschiedlichen Arten von Empathie es gibt
- Mit welchen Hilfsmitteln Ihnen die empathische Kommunikation auch im klinischen Alltag gelingt und wie sie auch mit emotional herausfordernden Situationen umgehen können
Empathie
In diesem Abschnitt erfahren Sie:
Einstieg:
In den folgenden Dialogen geht es um einen 59 Jahre alten Patienten, welcher wegen anhaltender Rückenschmerzen in die Sprechstunde seiner hausärztlichen Praxis kommt. Lesen Sie sich zunächst die beiden Dialoge durch und achten Sie dabei darauf, wie sich die Kommunikation in den Gesprächen unterscheidet.
Dialog
Doc: Seit wann haben Sie denn die Rückenschmerzen?
Pat: (eingesunkene Körperhaltung) Ich merke schon seit Monaten, dass mein Rücken Probleme macht … seit meine Frau vor zwei Monaten ganz plötzlich gestorben ist, bewege ich mich einfach nicht mehr so viel wie vorher…
Doc: (Blick auf die Patientenakte) Hm, wo genau sitzt der Schmerz denn im Rücken?
Pat: (Greift sich an den unteren Rücken) Hier unten besonders, das schränkt mich mittlerweile auch beim Laufen ein…. Sonst bin ich täglich spazieren gegangen, aber so ganz alleine ist das einfach nicht mehr das gleiche (Kopf gesenkt)
Doc: Ja, Bewegung ist ein wichtiger Präventionsfaktor. In der Vergangenheit hatten Sie also keine Probleme mit dem Rücken?
Pat: (sinkt noch weiter zusammen) Nein….
Doc: Ok, dann schauen wir mal, wie Sie das wieder in den Griff bekommen können.
Pat: (schweigt).
Wie hat sich die ärztliche Person während dieses Dialoges gefühlt?
Wie hat sich der Patient gefühlt?/ Wie gut hat der Patient sich verstanden gefühlt?
Was ist eigentlich Empathie und inwiefern ist sie relevant für die medizinische Praxis?
Kurz gesagt versteht man unter Empathie die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, ihre Lage nachzuvollziehen, und ihre Gefühle nachzuempfinden. Dabei kann zwischen mehreren Aspekten der Empathie unterschieden werden (Lamm & Majdandžić, 2015):
Kognitive Empathie
Die Fähigkeit, die Perspektive, Gedanken und Gefühle einer anderen Person auf einer rationalen Ebene nachzuvollziehen (z.B. „Ich verstehe, dass mein Patient Schmerzen hat.“)
Affektive Empathie
Sich emotional in die Gefühlslage einer anderen Person hineinversetzen können (z. B. „Ich kann emotional nachempfinden, wie sich Migräne bei meiner Patientin anfühlt.“)
Soziale Empathie
Sich auf unterschiedliche Menschengruppen einstellen können, seien es Menschen verschiedener Altersgruppen, sozialer Schichten oder Herkunft („Ich versetze mich in die Lage meines Patienten, obwohl er einer anderen Generation angehört.“)
Bei Empathie arbeiten all diese verschiedenen Aspekte zusammen. Wir verstehen, was unser Gegenüber gerade empfindet. Wir fühlen diese Emotion in uns selbst nach. Wir wissen aber auch, dass die nachempfundene Emotion von der anderen Person und nicht von uns ausgeht (Rütgen & Lamm, 2024).
Im medizinischen Kontext wird der Begriff ärztliche Empathie noch etwas detaillierter definiert, nämlich als die Fähigkeit einen Patienten/eine Patientin zu verstehen, dieses Verständnis zu kommunizieren und zu überprüfen und schlussendlich helfende therapeutische Handlungen daraus abzuleiten (Mercer & Reynolds, 2002).
Hilfsmittel für empathische Kommunikation in der Praxis
Die gute Nachricht ist: Empathie ist kein natürliches Talent, dass man entweder hat oder nicht. Im Gegenteil, es ist eine Fähigkeit, die man sich durch Training sehr gut aneignen kann (Mercer & Reynolds, 2002; Platt & Keller, 1994).
Gerade für den Anfang kann es dabei hilfreich sein, empathisches Verhalten zu operationalisieren. Sich also eine Art Leitfaden zu erstellen, an dem man sich orientieren kann. Im Folgenden sind daher zwei solcher Techniken vorgestellt, die man genau dafür nutzen kann:
Aktives Zuhören
Hören Sie in diesem Interviewausschnitt mit Prof. Dr. med. Katja Kölkebeck etwas über den Nutzen und die Verwendung des aktiven Zuhörens im PatientInnengespräch:

Beim aktiven Zuhören (Rogers & Farson, 1957) geht es also darum, seinem Gegenüber die volle Aufmerksamkeit zu widmen und so zu einem besseren Verständnis zu gelangen und eine vertrauensvolle Beziehung zu fördern. Hier nochmal die Techniken, die das aktive Zuhören unterstützen können:
Nonverbale Signale nutzen
- Gemeint ist hier ein Nicken oder ein „Mhm“ an der richtigen Stelle oder auch ein Lächeln.
- Blickkontakt und Körperhaltung: Ein angemessener Blickkontakt und eine offene und zugewandte Körperhaltung signalisieren Aufmerksamkeit und Interesse.
Verbale Techniken einsetzen
- Paraphrasieren: Die Aussagen des Gegenübers in eigenen Worten wiedergeben. So überprüft man das eigene Verständnis und vermittelt das Gefühl, bei der Sache zu sein.
- Verbalisieren: Das geht noch etwas weiter als Paraphrasieren. Hier wird die (emotionale) Bedeutung oder Interpretation einer Aussage wiedergegeben – also das, was möglicherweise zwischen den Zeilen steht.
- Es bietet sich an, Paraphrasierungen oder Verbalisierungen eher als Frage zu formulieren, um so sein Gegenüber zu ermutigen, falsch Verstandenes zu korrigieren oder Aussagen weiterzuführen (z. B. „Habe ich Sie richtig verstanden, dass … ?“).
Beispiele:
- „Ich komme mit der ganzen Arbeit kaum hinterher. Und jetzt steht auch noch ein Gespräch mit dem Chef an, das kann ich gar nicht gebrauchen.“
- Paraphrasiert: „Mit anderen Worten, es liegt gerade viel zu viel an.“
- Verbalisiert: „Könnte es sein, dass gerade viel zu viel anliegt und das Gespräch mit dem Chef jetzt nur noch mehr Stress bei Ihnen auslöst?“
Probieren Sie es selbst einmal, und paraphrasieren/verbalisieren Sie die folgenden Aussagen, bevor Sie sich die vorgeschlagenen Lösungen anschauen:
- Paraphrasiert: „Sie kommen seitdem überhaupt nicht mehr zur Ruhe, oder?“
- Verbalisiert: „Das klingt, als würde Sie die Situation gerade sehr stark belasten?“
- Paraphrasiert: „Mit anderen Worten, Sie holen sich Unterstützung von der oberen Ebene, wenn sich nichts ändert?“
- Verbalisiert: „Die Situation mit Ihrem Kollegen scheint Sie richtig wütend zu machen.“
- Paraphrasiert: „Es erscheint Ihnen bestimmt fast unwirklich, dass das nach der langen Zeit geklappt hat, oder?“
- Verbalisiert: „Es klingt, als würden Sie sich sehr darüber freuen jetzt diesen neuen Abschnitt beginnen zu können.“
Verweise
Für mehr Informationen und Anwendungsbeispiele zum Thema NURSE-Modell und aktives Zuhören, lesen Sie gerne hier weiter:
Literatur
- Kaptchuk, T. J., Kelley, J. M., Conboy, L. A., Davis, R. B., Kerr, C. E., Jacobson, E. E., … & Lembo, A. J. (2008). Components of placebo effect: randomised controlled trial in patients with irritable bowel syndrome. Bmj, 336(7651), 999-1003.
- Lamm, C., & Majdandžić, J. (2015). The role of shared neural activations, mirror neurons, and morality in empathy–A critical comment. Neuroscience research, 90, 15-24.
- Licciardone, J. C., Tran, Y., Ngo, K., Toledo, D., Peddireddy, N., & Aryal, S. (2024). Physician empathy and chronic pain outcomes. JAMA Network Open, 7(4), e246026-e246026.
- Mercer, S. W., & Reynolds, W. J. (2002). Empathy and quality of care. The British Journal of General Practice, 52(Suppl), S9.
- Neumann, M., Bensing, J., Mercer, S., Ernstmann, N., Ommen, O., & Pfaff, H. (2009). Analyzing the “nature” and “specific effectiveness” of clinical empathy: a theoretical overview and contribution towards a theory-based research agenda. Patient education and counseling, 74(3), 339-346.
- Neumann, M., Scheffer, C., Tauschel, D., Lutz, G., Wirtz, M., & Edelhäuser, F. (2012). Physician empathy: definition, outcome-relevance and its measurement in patient care and medical education. GMS Zeitschrift für medizinische Ausbildung, 29(1), Doc11.
- Platt, F. W., & Keller, V. F. (1994). Empathic communication: a teachable and learnable skill. Journal of General Internal Medicine, 9(4), 222-226.
- Rogers, C. R., & Farson, R. E. (1957). Active listening. Chicago, IL: Industrial Relations Center of the University of Chicago
- Rütgen, M., & Lamm, C. (2024). Dissecting shared pain representations to understand their behavioral and clinical relevance. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 163, 105769.
- Wampold, B. E. (2021). Healing in a social context: The importance of clinician and patient relationship. Frontiers in Pain Research, 2, 684768.