- Welche Auswirkungen eine empathische Kommunikation auf den Behandlungserfolg und das Wohlbefinden von PatientInnen hat
- Welche unterschiedlichen Arten von Empathie es gibt
- Mit welchen Hilfsmitteln Ihnen die empathische Kommunikation auch im klinischen Alltag gelingt und wie sie auch mit emotional herausfordernden Situationen umgehen können
Empathie
In diesem Abschnitt erfahren Sie:
Einstieg:
In den folgenden Dialogen geht es um einen 59 Jahre alten Patienten, welcher wegen anhaltender Rückenschmerzen in die Sprechstunde seiner hausärztlichen Praxis kommt. Lesen Sie sich zunächst die beiden Dialoge durch und achten Sie dabei darauf, wie sich die Kommunikation in den Gesprächen unterscheidet.
Dialog 1
Doc: Seit wann haben Sie denn die Rückenschmerzen?
Pat: (eingesunkene Körperhaltung) Ich merke schon seit Monaten, dass mein Rücken Probleme macht … seit meine Frau vor zwei Monaten ganz plötzlich gestorben ist, bewege ich mich einfach nicht mehr so viel wie vorher…
Doc: (Blick auf die Patientenakte) Hm, wo genau sitzt der Schmerz denn im Rücken?
Pat: (Greift sich an den unteren Rücken) Hier unten besonders, das schränkt mich mittlerweile auch beim Laufen ein…. Sonst bin ich täglich spazieren gegangen, aber so ganz alleine ist das einfach nicht mehr das gleiche (Kopf gesenkt)
Doc: Ja, Bewegung ist ein wichtiger Präventionsfaktor. In der Vergangenheit hatten Sie also keine Probleme mit dem Rücken?
Pat: (sinkt noch weiter zusammen) Nein….
Doc: Ok, dann schauen wir mal, wie Sie das wieder in den Griff bekommen können.
Pat: (schweigt).
Wie hat sich die ärztliche Person während dieses Dialoges gefühlt?
Wie hat sich der Patient gefühlt?/ Wie gut hat der Patient sich verstanden gefühlt?
Dialog 2
Doc: Seit wann haben Sie denn die Rückenschmerzen?
Pat: (eingesunkene Körperhaltung) Ich merke schon seit Monaten, dass mein Rücken Probleme macht … seit meine Frau vor zwei Monaten ganz plötzlich gestorben ist, bewege ich mich einfach nicht mehr so viel wie vorher ….
Doc: (nickt) Das klingt, als würden Sie gerade eine schwere Zeit durchmachen…
Pat: (sieht nach unten) Das kann man so sagen…
Doc: (Sucht Blickkontakt) Ich kann mir vorstellen, dass so ein plötzlicher Verlust Sie ganz schön aus der Bahn geworfen hat.
Pat: (Schaut hoch, Stimme brüchig) Ja … ich weiß oft gar nicht, wohin mit mir und liege viel im Bett … da ist es kein Wunder, dass mein Rücken nicht mehr gut mitmacht …
Doc: (Nach vorne gelehnt) Wenn Menschen so etwas erleben, kann das manchmal alles durcheinanderbringen. Es klingt, als würden Sie sich zurzeit oft einsam fühlen.
Pat: (Hat Tränen in den Augen und nickt leicht) Es ist einfach nicht mehr das gleiche ohne sie. Wir sind immer zusammen spazieren gegangen …
Doc: (lächelt) Das klingt, als hätten Sie Ihre Zeit sehr gerne zusammen verbracht. Ich kann mir gut vorstellen, dass das nicht das Gleiche ist, plötzlich alleine spazieren zu gehen… (Pause) Mir ist sehr wichtig, dass wir gemeinsam eine Lösung finden, damit Sie nicht durch die Rückenschmerzen noch zusätzlich belastet werden.
Pat: (nickt leicht) Das wäre mir auch wichtig, so kann es schließlich nicht weitergehen …
Wie hat sich die ärztliche Person während dieses Dialoges gefühlt?
Wie hat sich sein Patient gefühlt?/ Wie gut verstanden hat der Patient sich gefühlt?
Wie unterscheiden sich die Kommunikationsstile in den beiden Dialogen?
Lösungen
Die Kommunikation im ersten Dialog ist eher sachlich und neutral, die ärztliche Person geht nicht auf gezeigte Emotionen ein und ist auf medizinisch relevante Informationen und Interventionen konzentriert. Der Patient scheint sich währenddessen langsam zu verschließen.
Im zweiten Dialog geht die ärztliche Person auf die emotionalen Hinweise ein und kommuniziert empathisch mit dem Patienten. Der Patient scheint sich daraufhin verstanden zu fühlen und bleibt offener in der Kommunikation.
Was ist eigentlich Empathie und inwiefern ist sie relevant für die medizinische Praxis?
Kurz gesagt versteht man unter Empathie die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, ihre Lage nachzuvollziehen, und ihre Gefühle nachzuempfinden. Dabei kann zwischen mehreren Aspekten der Empathie unterschieden werden (Lamm & Majdandžić, 2015):
Kognitive Empathie
Die Fähigkeit, die Perspektive, Gedanken und Gefühle einer anderen Person auf einer rationalen Ebene nachzuvollziehen (z.B. „Ich verstehe, dass mein Patient Schmerzen hat.“)
Affektive Empathie
Sich emotional in die Gefühlslage einer anderen Person hineinversetzen können (z. B. „Ich kann emotional nachempfinden, wie sich Migräne bei meiner Patientin anfühlt.“)
Soziale Empathie
Sich auf unterschiedliche Menschengruppen einstellen können, seien es Menschen verschiedener Altersgruppen, sozialer Schichten oder Herkunft („Ich versetze mich in die Lage meines Patienten, obwohl er einer anderen Generation angehört.“)
Bei Empathie arbeiten all diese verschiedenen Aspekte zusammen. Wir verstehen, was unser Gegenüber gerade empfindet. Wir fühlen diese Emotion in uns selbst nach. Wir wissen aber auch, dass die nachempfundene Emotion von der anderen Person und nicht von uns ausgeht (Rütgen & Lamm, 2024).
Im medizinischen Kontext wird der Begriff ärztliche Empathie noch etwas detaillierter definiert, nämlich als die Fähigkeit einen Patienten/eine Patientin zu verstehen, dieses Verständnis zu kommunizieren und zu überprüfen und schlussendlich helfende therapeutische Handlungen daraus abzuleiten (Mercer & Reynolds, 2002).
Im Umgang mit Patientinnen und Patienten ist eine empathische Haltung von großer Bedeutung für die therapeutische Beziehung, den Behandlungserfolg und das Wohlbefinden. Das sagt auch die Forschung:
- Eine Übersichtsarbeit (Neumann et al., 2012) zeigte, dass PatientInnen empathischer MedizinerInnen
- …mehr über ihre Symptome und Sorgen berichten, und die Genauigkeit ihrer Diagnosen sich erhöht
- …eine höhere Adhärenz und Zufriedenheit und eine verbesserte Befähigung zeigen, mit der aktuellen Krankheitssituation umzugehen
- …weniger häufig Depressionen erleben und eine erhöhte Lebensqualität beschreiben
- Chronische SchmerzpatientInnen zeigen signifikant bessere Behandlungsergebnisse als bei nicht empathischen MedizinerInnen (Licciardone et al., 2024).
- Die Behandlung durch MedizinerInnen, die eine warme und freundliche Beziehung zu ihren PatientInnen aufbauen, ist effektiver als die von jenen, die ihre Konsultationen unpersönlich und formal gestalten (Wampold, 2021).
- Außerdem konnte gezeigt werden, dass die Stärke von Placeboeffekten, die zum Behandlungserfolg beitragen zu einem großen Teil dadurch determiniert wird, wie gut die therapeutische Beziehung ist. Ein essentieller Faktor ist dabei die empathische ärztliche Kommunikation (Kaptchuk et al., 2008).
Die empathische Büchse der Pandora
Hören Sie in diesem Interview-Ausschnitt mit Prof. Dr. Katja Kölkebeck (Universitätsprofessorin für Ambulante Psychosoziale Medizin an Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Ev. Klinikum Bethel), wie man diesem Spannungsfeld in der Praxis begegnen kann.

Obwohl Empathie ein so wichtiger Bestandteil der patientInnengerechten Versorgung ist, konnte beobachtet werden, dass sie im Verlauf der klinischen Ausbildung eher ab- als zunimmt.
Ein wichtiger Faktor kann dabei sein, dass es im klinischen Alltag an vielen Stellen nicht so einfach möglich ist, innerhalb der zeitlichen Begrenzungen empathisch zu kommunizieren.
Aber nicht nur zeitliche Begrenzungen können empathische Kommunikation erschweren. Im ärztlichen Gespräch ist es keine Seltenheit, dass man von PatientInnenseite mit Emotionen und persönlichen Geschichten konfrontiert wird. Eine unerwartete Diagnose, ein hoher Leidensdruck oder Ängste sind nur einige Beispiele, die dem zugrunde liegen können. Das kann bei BehandlerInnen zu der Sorge führen, mit dieser Emotionalität überfordert zu sein.
Wie man in der Praxis damit umgehen kann, hören Sie von Prof. Dr. med. Katja Kölkebeck.
Ein wichtiger Aspekt empathischer Kommunikation ist es also, diesen Emotionen Raum zu geben und PatientInnen das Gefühl zu vermitteln, dass sie damit nicht alleine sind. Denn Emotionen sind ein Teil der Person und möglicherweise des Krankheitsbildes. Es kann eine heilsame Erfahrung sein, sich so ganzheitlich verstanden und begleitet zu fühlen.
Hilfsmittel für empathische Kommunikation in der Praxis
Die gute Nachricht ist: Empathie ist kein natürliches Talent, dass man entweder hat oder nicht. Im Gegenteil, es ist eine Fähigkeit, die man sich durch Training sehr gut aneignen kann (Mercer & Reynolds, 2002; Platt & Keller, 1994).
Gerade für den Anfang kann es dabei hilfreich sein, empathisches Verhalten zu operationalisieren. Sich also eine Art Leitfaden zu erstellen, an dem man sich orientieren kann. Im Folgenden sind daher zwei solcher Techniken vorgestellt, die man genau dafür nutzen kann:
Aktives Zuhören
Hören Sie in diesem Interviewausschnitt mit Prof. Dr. med. Katja Kölkebeck etwas über den Nutzen und die Verwendung des aktiven Zuhörens im PatientInnengespräch:

Beim aktiven Zuhören (Rogers & Farson, 1957) geht es also darum, seinem Gegenüber die volle Aufmerksamkeit zu widmen und so zu einem besseren Verständnis zu gelangen und eine vertrauensvolle Beziehung zu fördern. Hier nochmal die Techniken, die das aktive Zuhören unterstützen können:
Nonverbale Signale nutzen
- Gemeint ist hier ein Nicken oder ein „Mhm“ an der richtigen Stelle oder auch ein Lächeln.
- Blickkontakt und Körperhaltung: Ein angemessener Blickkontakt und eine offene und zugewandte Körperhaltung signalisieren Aufmerksamkeit und Interesse.
Verbale Techniken einsetzen
- Paraphrasieren: Die Aussagen des Gegenübers in eigenen Worten wiedergeben. So überprüft man das eigene Verständnis und vermittelt das Gefühl, bei der Sache zu sein.
- Verbalisieren: Das geht noch etwas weiter als Paraphrasieren. Hier wird die (emotionale) Bedeutung oder Interpretation einer Aussage wiedergegeben – also das, was möglicherweise zwischen den Zeilen steht.
- Es bietet sich an, Paraphrasierungen oder Verbalisierungen eher als Frage zu formulieren, um so sein Gegenüber zu ermutigen, falsch Verstandenes zu korrigieren oder Aussagen weiterzuführen (z. B. „Habe ich Sie richtig verstanden, dass … ?“).
Beispiele:
- „Ich komme mit der ganzen Arbeit kaum hinterher. Und jetzt steht auch noch ein Gespräch mit dem Chef an, das kann ich gar nicht gebrauchen.“
- Paraphrasiert: „Mit anderen Worten, es liegt gerade viel zu viel an.“
- Verbalisiert: „Könnte es sein, dass gerade viel zu viel anliegt und das Gespräch mit dem Chef jetzt nur noch mehr Stress bei Ihnen auslöst?“
Probieren Sie es selbst einmal, und paraphrasieren/verbalisieren Sie die folgenden Aussagen, bevor Sie sich die vorgeschlagenen Lösungen anschauen:
- Paraphrasiert: „Sie kommen seitdem überhaupt nicht mehr zur Ruhe, oder?“
- Verbalisiert: „Das klingt, als würde Sie die Situation gerade sehr stark belasten?“
- Paraphrasiert: „Mit anderen Worten, Sie holen sich Unterstützung von der oberen Ebene, wenn sich nichts ändert?“
- Verbalisiert: „Die Situation mit Ihrem Kollegen scheint Sie richtig wütend zu machen.“
- Paraphrasiert: „Es erscheint Ihnen bestimmt fast unwirklich, dass das nach der langen Zeit geklappt hat, oder?“
- Verbalisiert: „Es klingt, als würden Sie sich sehr darüber freuen jetzt diesen neuen Abschnitt beginnen zu können.“
NURSE-Modell
Eine weitere Technik ist das NURSE-Modell. Das Akronym beschreibt, wie man Emotionen empathisch begegnen kann.
NURSE steht für:
Naming (Emotion benennen)
Understanding (Vom Herzen kommendes Verständnis)
Respecting (Validieren und respektieren)
Supporting (Unterstützung anbieten)
Exploring (Gezieltes Nachfragen)
Hören Sie hier einen Ausschnitt mit Prof. Dr. med. Langewitz (Facharzt für Innere Medizin mit dem Zusatztitel Psychotherapie in tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie und Verhaltenstherapie.) zum NURSE-Modell:
Prof.: „Das NURSE Modell hat eigentlich Tony Back entwickelt. Für den Umgang mit Patientinnen und Angehörigen in schwierigen Lebenssituationen.
Und wir haben das adaptiert oder übernommen, weil es sich eigentlich in Vielem bewährt. Naming ist so etwas wie spiegeln auf Emotionen: “Wenn ich Ihnen zuhöre oder wenn ich Sie so anschaue, habe ich den Eindruck, dass Sie eigentlich ziemlich enttäuscht sind.” Naming Emotion auf Enttäuschung.
Wiederum mit einem offenen Ende, weil es ja sein kann, dass der Patient mich korrigieren möchte und sagt: “Enttäuscht, ich bin stocksauer!”
Und dann dreht er die Emotion von der Enttäuschung in den Ärger. Sein gutes Recht, er weiß, wie ihm zumute ist. Ich kann es nur ahnen.
Oder aber er stimmt zu, dass Enttäuschung eigentlich ein guter Begriff ist und sagt dann: “Ja, schauen sie mal, ich bin dahin gekommen und dann hat man mir gesagt, nach der Knieprothese laufen sie wie ein junges Reh.” Jetzt schauen wir mal.
Dann könnte es sein, wenn ich gesehen habe, wie der ins Zimmer humpelt, dass ich in diesem Fall sagen könnte: “Ja, kann ich verstehen, wenn sie, wenn das das Versprechen war und sie jetzt so laufen, verstehe ich, dass sie enttäuscht sind.”
Das ist das U, Understanding. Schwierig wird es, wenn man floskelhaft versteht, entsetzlich. Es ist, es ist ein nicht ernst nehmen von Patientinnen.
Ja, ja, kann ich verstehen. Manchmal kann einem passieren, dass eine Patientin sagt: “Sie verstehen überhaupt nichts. Haben Sie schon mal ein Kind verloren?”
Und selbst wenn ich es hätte, heißt das noch lange nicht, dass ich verstehe, was die Patientin fühlt.
Empirisch gibt es dazu nichts. Ich würde sagen, verstehen, wirklich verstehen, muss von Herzen kommen. Es muss mir so zumute sein. Und selbst dann kann es sein, dass eine Patientin das zurückweist. Aber wenn es, wenn mir jemand nicht wirklich leidtut, in dem Moment oder wenn ich den irgendwie ein bisschen was von der Empörung mit empfinde, von der Enttäuschung, von dem Ärger, sollte ich nicht so tun, als ob ich was verstehe. Also das U, das Understanding muss man sparsam einsetzen.
Sondern besser gar nichts sagen oder man könnte sagen: “So wie sie das schildern ist gut nachvollziehbar, dass sie enttäuscht sind.” Da halte ich mich draußen. Also ich bin enttäuscht, aber so wie sie das jetzt nebeneinandersetzen, das Versprechen und ihr jetziges Erleben, ja, kann ich mir vorstellen, dass Sie enttäuscht sind.
Ist was ganz anderes als: “Ich verstehe, dass sie enttäuscht sind.“
Meine Knie laufen ja, verstehe ich das? Das R ist Showing Respect.
Ich, also mir ist das aufgefallen im Umgang mit Kindern und Eltern, mit kranken Kindern, dass ich eigentlich oft finde, so wie die das schaffen, mit einem kranken Kind und zwei gesunden Kindern: “Wie Sie das schaffen, ihren Alltag zu organisieren, das find ich unglaublich.”
Das wäre Showing Respect. Es ist sehr, sehr, sehr selten, dass das von Fachpersonen gemacht wird. Ein Grund könnte sein, dass Betroffene gar nicht selten anfangen zu weinen. Dass Eltern dasitzen, von einem krebskranken Kind gefasst, sehr gefasst.
Die Pflegende, die Onkologie Pflegende sagt: “Ich finde, sie machen das fantastisch. Und wenn die Natalie zu uns kommt, ist die von ihnen so gut vorbereitet? Das ist einfach toll, wie Sie das hinkriegen.”
Dann kann es sein, dass in dem Moment die Mutter, der Vater anfangen zu schluchzen und das führt dann zu so einer panischen Gegenreaktion. Oh mein Gott, was.
Nie wieder Respekt zeigen, weil man die die Trauer der, oder das Weinen der Erleichterung, wahrgenommen zu werden als eine Mutter, die Unglaubliches leistet, verwechselt mit dem verzweifelten Weinen, als Elternteil, der möglicherweise sein Kind verliert.
Dann gibt es noch das S, Support, das ist trivial. Das reicht von: “Möchten sie ein Taschentuch haben?” bis zu “Wir schauen, dass sie nächstes mal wieder zu uns kommen als Team.” Auch das ist eine Form von Unterstützung.
Und das E, Explore, heißt: Irgendwas ist hier los mit dem Gegenüber, weil ich habe keinen blassen Schimmer, was das ist. Dann könnte man so etwas sagen, wie:
“Ich habe den Eindruck, es geht Ihnen nicht gut, aber ich weiß nicht, was los ist. Mögen Sie was dazu sagen?” Das ist Explore.
Das NURSE-Modell schützt einen Vorzug für Empathie. Wenn ich in der Lage bin, eine Emotion zu spiegeln, habe ich mit (?) zu sprechen, die die Emotion contained. Ich habe ihr einen sprachlichen Rahmen gegeben, ich muss sie nicht in mich hineinlassen und mich empathisch berühren lassen.
Sondern bereits das Benennen der Emotionen hat eine therapeutische Wirkung. Es gibt der Emotion einen Rahmen und einen Namen. Die Idee ist, dass die Patientin den Eindruck hat: “Ich wurde gehört”, und damit vollführt die Fachpersonen, das, was Albert Pesso die Zeugenfunktion genannt hat. Ich bezeuge dein Elend, ich bezeuge deine Trauer. Ich habe sie benannt, ich habe sie gesehen und benannt.
Diese Containment Funktion ist extrem wichtig und therapeutisch wirksam, entspricht aber oft nicht dem Ideal von Helfenden, etwas zu machen. Wenn ich glaube, Emotionen aufgreifen, heißt, sie aus der Welt schaffen, werde ich scheitern.
Wenn ich mir sicher bin, ich kann sie ansprechen, ohne sie aus der Welt zu schaffen, habe ich eine Technik in der Hand, die besser ist, als ignorieren und mich als professionelle Helferin vor dem Anspruch schützt, immer etwas Mitempfinden zu müssen, aus meiner empathischen Mitreaktion heraus jetzt was ganz Schlaues zu sagen. Es reicht, wenn ich benenne.
Ewald: Das ist, glaube ich, sehr wichtig. Ein sehr wichtiger Punkt. Es reicht, wenn ich benenne. Und da sind wir auch, glaube ich, wieder bei diesen Fassungen, weil wenn man jetzt vom Privaten aus kommt, da sind wir es gewohnt, mehr zu tun.
Prof.: Genau.
Ewald: Und wenn ich mit diesem Anspruch aber in die in die Arbeit als Ärztin, Arzt gehe, dann scheitere ich, wie sie das gesagt haben, und dann ist das auch für mich natürlich extrem anstrengend und enttäuschend.
Prof.: Richtig, weil es nicht funktioniert. Und es funktioniert im privaten ja auch, ich werde jetzt fast behaupten, oft nicht. Wenn man sich überlegt, zu wem gehe ich, um ihm oder ihr mein Leid zu klagen – dann würde ich sagen, die überaus empathischen, gehen mir ziemlich schnell auf den Nerv.
Also heulen kann ich schon selber, wenn wir mir danach zumute ist. Ich hätte dann lieber jemanden, der bei sich bleibt, seine Fassung bewahrt und meinetwegen sagt: “Erzähl mal.” Dann einfach sitzt und hört, der muss ja nicht mal Naming Emotion machen.
Aber einfach da sein und auf die Container Funktion vertrauen. Es ist schon gut, wenn ich einen Zeugen habe, vor dem ich auspacken kann.“
[…]
Übung 1
Schauen Sie sich vor dem Hintergrund dieser Informationen noch einmal den zweiten Dialog vom Anfang an (Verweis). Welche Aspekte des NURSE-Modells und des aktiven Zuhörens erkennen Sie dabei?
Doc: Seit wann haben Sie denn die Rückenschmerzen?
Pat: (eingesunkene Körperhaltung) Ich merke schon seit Monaten, dass mein Rücken Probleme macht … seit meine Frau vor zwei Monaten ganz plötzlich gestorben ist, bewege ich mich einfach nicht mehr so viel wie vorher ….
Doc: (nickt) Das klingt, als würden Sie gerade eine schwere Zeit durchmachen … (Aktives Zuhören: Nicken, Verbalisieren; NURSE: Respecting)
Pat: (sieht nach unten) Das kann man so sagen …
Doc: (Sucht Blickkontakt) Ich kann mir vorstellen, dass so ein plötzlicher Verlust Sie ganz schön aus der Bahn geworfen hat. (Aktives Zuhören: Blickkontakt; NURSE: Understanding)
Pat: (Schaut hoch, Stimme brüchig) Ja … ich weiß oft gar nicht wohin mit mir, und liege viel im Bett…da ist es kein Wunder, dass mein Rücken nicht mehr gut mitmacht …
Doc: (Nach vorne gelehnt) Wenn Menschen so etwas erleben, kann das manchmal alles durcheinanderbringen (Aktives Zuhören: Zugewandte Haltung, NURSE: Understanding). Es klingt, als würden Sie sich zurzeit oft einsam fühlen. (Aktives Zuhören: Verbalisieren; NURSE: Naming)
Pat: (Hat Tränen in den Augen und nickt leicht) Es ist einfach nicht mehr das gleiche ohne sie. Wir sind immer zusammen spazieren gegangen …
Doc: (lächelt) Das klingt, als hätten Sie Ihre Zeit sehr gerne zusammen verbracht. (Aktives Zuhören: Paraphrasieren) Ich kann mir gut vorstellen, dass das nicht das Gleiche ist, plötzlich alleine spazieren zu gehen … (NURSE: Understanding) (Pause) Mir ist sehr wichtig, dass wir gemeinsam eine Lösung finden, damit Sie nicht durch die Rückenschmerzen noch zusätzlich belastet werden. (NURSE: Supporting)
Pat: (nickt leicht) Das wäre mir auch wichtig, so kann es schließlich nicht weitergehen …
Übung 2
Finden Sie sich in einer Gruppe aus 2-4 Studierenden zusammen. Nehmen Sie sich zu Beginn etwas Zeit zu überlegen: An welche emotional schwierigen PatientInnen-Situationen können Sie sich erinnern? (Was fanden Sie für sich persönlich schwierig daran?) Versuchen Sie den Verlauf ungefähr nachzuvollziehen.
- Welche Emotionen wurden gezeigt?
- Wie haben Sie sich dabei gefühlt?
- Wie haben Sie reagiert?
Wählen Sie zunächst eine Situation in der Gruppe aus und überlegen Sie gemeinsam, wie in dieser Situation eine empathische Kommunikation aussehen könnte. Vergegenwärtigen Sie sich dabei die Techniken des NURSE Modells und des aktiven Zuhörens.
Überlegen Sie, wie sich die Gesprächssituation und das Endergebnis durch die gezielte Anwendung empathischer Kommunikationstechniken möglicherweise verändert hätte.
Übung 3
Übung macht den Meister. Wie auch bei anderen Fähigkeiten braucht es Zeit und Übung, bis man kompetent empathisch kommunizieren kann. Es bietet sich daher an, sich auch im Alltag mit dem Thema zu beschäftigen, um eine Routine zu entwickeln. Die vorgestellten Techniken eignen sich sehr gut, um sie auch in alltäglichen Gesprächssituationen einfließen zu lassen und zu trainieren – sei es im klinischen Alltag oder im privaten Gespräch.
Suchen Sie sich daher doch zunächst eine der beiden Techniken aus und versuchen Sie, diese während der nächsten Woche in Gesprächen anzuwenden.
Verweise
Für mehr Informationen und Anwendungsbeispiele zum Thema NURSE-Modell und aktives Zuhören, lesen Sie gerne hier weiter:
Literatur
- Kaptchuk, T. J., Kelley, J. M., Conboy, L. A., Davis, R. B., Kerr, C. E., Jacobson, E. E., … & Lembo, A. J. (2008). Components of placebo effect: randomised controlled trial in patients with irritable bowel syndrome. Bmj, 336(7651), 999-1003.
- Lamm, C., & Majdandžić, J. (2015). The role of shared neural activations, mirror neurons, and morality in empathy–A critical comment. Neuroscience research, 90, 15-24.
- Licciardone, J. C., Tran, Y., Ngo, K., Toledo, D., Peddireddy, N., & Aryal, S. (2024). Physician empathy and chronic pain outcomes. JAMA Network Open, 7(4), e246026-e246026.
- Mercer, S. W., & Reynolds, W. J. (2002). Empathy and quality of care. The British Journal of General Practice, 52(Suppl), S9.
- Neumann, M., Bensing, J., Mercer, S., Ernstmann, N., Ommen, O., & Pfaff, H. (2009). Analyzing the “nature” and “specific effectiveness” of clinical empathy: a theoretical overview and contribution towards a theory-based research agenda. Patient education and counseling, 74(3), 339-346.
- Neumann, M., Scheffer, C., Tauschel, D., Lutz, G., Wirtz, M., & Edelhäuser, F. (2012). Physician empathy: definition, outcome-relevance and its measurement in patient care and medical education. GMS Zeitschrift für medizinische Ausbildung, 29(1), Doc11.
- Platt, F. W., & Keller, V. F. (1994). Empathic communication: a teachable and learnable skill. Journal of General Internal Medicine, 9(4), 222-226.
- Rogers, C. R., & Farson, R. E. (1957). Active listening. Chicago, IL: Industrial Relations Center of the University of Chicago
- Rütgen, M., & Lamm, C. (2024). Dissecting shared pain representations to understand their behavioral and clinical relevance. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 163, 105769.
- Wampold, B. E. (2021). Healing in a social context: The importance of clinician and patient relationship. Frontiers in Pain Research, 2, 684768.