
- Welchen Einfluss Therapiemerkmale auf Behandlungserwartungen haben können
- und wie Sie dies nutzen können, um Behandlungsergebnisse positiv zu beeinflussen.
Sie arbeiten als Arzt oder Ärztin in einer hausärztlichen Praxis und befinden sich in der Sprechstunde. Ihre privat versicherte Patientin, Frau Förster (53), ist verzweifelt. Die Schlafmedikation, die ihr seit einiger Zeit gut geholfen hat, funktioniert plötzlich nicht mehr. Nach drei Tagen mit schlechtem Schlaf wendet sie sich an Sie. Sie möchte dringend ein neues Medikament verschrieben bekommen. Sie beschließen der Sache im Gespräch erst einmal auf den Grund zu gehen.

Dr: Seit wann wirken Ihre Medikamente denn nicht mehr?
P: Seitdem ich vor ein paar Tagen mein letztes Rezept eingelöst habe. Die Apothekerin meinte, es sei jetzt etwas günstiger, weil es eine andere Firma sei, aber sonst bleibe alles beim Alten. Aber jetzt wirkt es viel schlechter als vorher, bestimmt ist das eine andere Rezeptur. Das hört man ja immer wieder.
Dr: Haben Sie die Medikamente denn dabei?
P: Ja. (Frau Förster holt zwei Tablettenverpackungen aus ihrer Handtasche) Ich habe Ihnen die aktuelle Tablettenverpackung und auch die von davor mitgebracht. Sie verstehen mehr davon, vielleicht können Sie daran sehen, woran es liegt.
Schauen Sie sich die beiden Verpackungen an und überlegen Sie, ob es einen Grund geben könnte, warum die Wirkung sich bei Ihrer Patientin verändert hat.






Die beiden Medikamente unterscheiden sich
Wie Sie sicherlich festgestellt haben, hat sich aber weder am Wirkstoff, noch an der Dosis oder den Zusatzstoffen etwas verändert. Wieso wirken die Tabletten dann also nicht mehr so gut, wie bisher?

Die meisten PatientInnen würden wahrscheinlich die alte Variante (SleepWell) bevorzugen. Die Gestaltung erscheint besser aufeinander und auf die Erkrankung (Insomnie) abgestimmt, sie ist nüchterner und sieht insgesamt professioneller aus. Außerdem ist der Preis höher, was ebenfalls für eine bessere Qualität spricht … oder?
Tatsächlich können Merkmale wie Preis und Markenzugehörigkeit von Medikamenten einen Effekt auf unsere Wirksamkeitserwartungen haben – und darüber dann die Behandlungsergebnisse beeinflussen.
Das zeigte zum Beispiel eine Studie (Waber, Shiv, Carmon & Ariely, 2008), in welcher gesunden Teilnehmenden gegen elektrische Schmerzreize entweder ein preisreduziertes (0,10$ pro Tablette) oder normal bepreistes (2,50$ pro Tablette) Placebo verabreicht wurde, welche zuvor als wirksame Schmerzmittel vorgestellt wurden. Beide Gruppen zeigten Placeboeffekte, also eine Schmerzreduktion durch das Scheinmedikament. Aber bei den ProbandInnen, die glaubten, das teurere Medikament erhalten zu haben, war die Schmerzreduktion signifikant höher als bei den ProbandInnen mit dem preisreduzierten Medikament.
Ähnliches wurde auch in weiteren Studien gefunden, zum Beispiel als „Schmerzmedikamente“ (die in Wirklichkeit wirkstofffreie Placebos waren) miteinander verglichen wurden (Fehse, Maikowski, Simmank, Gutyrchik & Meissner, 2015). Sie unterschieden sich einzig in ihrer Markenzugehörigkeit. In der Studie wurden gesunde Teilnehmende einem Hitzeschmerz ausgesetzt, der dann entweder mit einem angeblichen Markenpräparat oder einem angeblichen Generikum behandelt wurde. In den Ergebnissen zeigte sich, dass nur beim Markenpräparat ein schmerzlindernder (Placebo-)Effekt auftrat.
Und auch in der oben bereits erwähnten Studie (Schmidt et al., 2025) zeigten Placebos eine positive Wirkung auf induzierte Entzündungssymptome, wenn sie als „Ibuprofen“ vorgestellt wurden, und demnach als wirkungsvolles Medikament für diese Art von Beschwerden. Nebenbei bemerkt, auch wenn diese Studie wie viele weitere Studien zeigt, dass Placebos wirken – in der Klinik oder Praxis verbietet es sich aus den verschiedensten Gründen, ohne Wissen von PatientInnen Placebos zu verabreichen.
Unsere Erwartungen werden also offenbar durch teure, namhafte bzw. vertraute Medikamente positiver beeinflusst als durch günstige oder unbekannte. Doch warum ist das so, wenn der Wirkstoff identisch ist oder im Falle eines Placebos erst gar kein Wirkstoff vorhanden ist?
Auch wenn der Zusammenhang noch nicht systematisch erforscht wurde, liegt es nahe, dass Wertschätzung ein wichtiger Faktor dabei ist. Und wenn etwas kostspielig ist, messen wir ihm im Allgemeinen einen höheren Wert zu.
Das kann man selbst im Alltag beobachten. So schmeckt uns ein als teuer präsentierter Wein besser als ein angeblich günstigerer Wein, selbst wenn es sich um das identische Produkt handelt (Schmidt, Skvortsova, Kullen, Weber & Plassmann, 2017). Interessant ist dabei auch, dass sich dieser Unterschied sogar im Gehirn zeigt, denn dort wird das Belohnungs- und Motivationssystem beim teuren Wein stärker aktiviert als beim preiswerten.
In unserem oberen Beispiel kann man also davon ausgehen, dass die verringerte Wirkung der Schlaftabletten bei Frau Förster unter anderem damit zusammenhängt, dass die Aufmachung der neuen Medikation weniger hochwertig und professionell erscheint und dazu noch der Preis viel geringer ist. Das kann bei der Patientin zu einer geringeren Wirkungserwartung geführt haben, welche dann tatsächlich die Wirkung negativ beeinflusste. Zudem spielen hier auch Lernerfahrungen wieder eine Rolle, da diese weniger gut zum Tragen kommen, wenn gewohnte Merkmale der Medikation sich plötzlich verändern (also visuelle Merkmale o.Ä., keine inhaltlichen).
Auch die Verabreichungsform kann einen Einfluss auf die unspezifische Wirksamkeit von Medikamenten haben. So wird intravenös verabreichten Schmerzmedikamenten eine größere Wirkung zugesprochen, als oral verabreichten. Diese veränderte Wirksamkeit alleinig durch die Applikationsform konnte zum Beispiel an Medikamenten gegen Migränekopfschmerz gezeigt werden (Review in Meissner & Linde, 2018).
Nehmen Sie sich jetzt gerne einen Moment Zeit zu überlegen, wie man Wertschätzung mithilfe von gezielter Kommunikation im medizinischen Alltag einbauen könnte, und schauen Sie sich im Anschluss die Tipps dazu an.
Im medizinischen Alltag ist es weder indiziert, noch soll es das Ziel sein, einfach immer das teuerste Medikament oder die aufwendigste Therapie zu verschreiben, um Wertschätzung zu vermitteln.
Vielmehr ist es eine wichtige ärztliche Aufgabe durch eine gute Kommunikation und Information eine Wertschätzung jenseits der o.g. kommerziellen Aspekte zu vermitteln und damit zu positiven Behandlungserwartungen auf Seiten der PatientInnen beizutragen.
Führen Sie die Sprechstunde mit Frau Förster weiter. Versuchen Sie vor dem Hintergrund des eben Gelesenen zu vermitteln:
Dr: Seit wann wirken Ihre Medikamente denn nicht mehr?
P: Seitdem ich vor ein paar Tagen mein letztes Rezept eingelöst habe. Die Apothekerin meinte, es sei jetzt etwas günstiger, weil es eine andere Firma sei, aber sonst bleibe alles beim Alten. Aber jetzt wirkt es viel schlechter als vorher, bestimmt ist das eine andere Rezeptur. Das hört man ja immer wieder.
Dr: Haben Sie die Medikamente denn dabei?
P: Ja. (Frau Förster holt zwei Tablettenverpackungen aus ihrer Handtasche) Ich habe Ihnen die aktuelle Tablettenverpackung und auch die von davor mitgebracht. Sie verstehen mehr davon, vielleicht können Sie daran sehen, woran es liegt.
Dr: (betrachtet die beiden Verpackungen eingehend, hebt den Blick zurück zu Frau Förster) Ich kann Sie beruhigen, bei dem neuen Medikament handelt es sich tatsächlich um den gleichen Wirkstoff, wie bei ihrem alten. Lediglich das Aussehen hat sich verändert.
P: (aufgebracht) Aber sie wirken nicht mehr wie vorher – wie kann das sein? Ich bilde mir das doch nicht ein!
Dr: Selbstverständlich nicht, Frau Förster! Sehen Sie, das hat überhaupt nichts mit Einbildung zu tun, sondern mit Erwartungen. Sie haben bereits gute Erfahrungen mit Ihrem alten Medikament gemacht. Und jetzt verändert sich plötzlich das Design und es wird auch noch viel günstiger. Das kann die Erwartungen ziemlich beeinflussen und dadurch auch die erlebte Wirkung.
P: Mh….sowas aber auch….
Dr: Ich kann Ihnen versichern, dass der Inhalt der gleiche geblieben ist und die Wirkstoffe eine hohe Qualität haben. Ich habe bereits viele gute Erfahrungen damit gemacht. Wollen Sie es noch ein paar Tage mit dem Medikament probieren und schauen, ob sich etwas verändert?
P: Naja, wenn Sie sagen, es ist eigentlich das gleiche drin, kann ich es vielleicht nochmal versuchen.
Dr: Sehr schön! Falls Sie in ein paar Tagen trotz allem immer noch unzufrieden sein sollten, können wir gerne noch einmal Rücksprache miteinander halten und uns dann nach anderen Optionen umsehen.