Umgebungsgestaltung

Kurz gesagt

  • In diesem Abschnitt erfahren Sie, wie die Umgebung mit dem Wohlbefinden und der Gesundheit von PatientInnen zusammenhängt
  • und welche Aspekte dabei zu positiven Behandlungserwartungen beitragen.

Einstieg

Stellen Sie sich vor, Sie sind als PatientIn aufgrund eines Routineeingriffs im Krankenhaus und wachen nach der OP in ihrem Krankenzimmer auf.

Wenn Sie sich entscheiden könnten, in welchem der beiden Räume würden Sie sich lieber wiederfinden?

Wie würden Sie sich in diesem Zimmer fühlen?

Wie erklären Sie sich dieses Gefühl?

Und was würde sich verändern, wenn Sie dann in das andere Zimmer verlegt würden?

Jeder hat was mitbekommen was der andere hatte. Es war keine direkte, ruhige Behandlung. Es war alles offen, jeder hat tatsächlich mitbekommen, wer da was hatte und es wurde auch tatsächlich nicht so darauf geachtet. Und es gab Vierbettzimmer […] die finde ich ganz fürchterlich. So wirklich enge Vierbettzimmer.”

PAB (3) Patientin über fehlende Privatsphäre im Krankenhaus.

Empirischer Hintergrund

Allgemein hat eine möglichst stressfrei gestaltete Umgebung einen positiven Einfluss auf PatientInnen. Weniger Stress kann mit besserer Medikamentenverträglichkeit, kürzeren Liegezeiten und nicht zuletzt einem höheren Wohlbefinden einhergehen (Koppen & Vollmer, 2021) . Dazu kommt, dass in ansprechend und modern gestalteten Kliniken Therapien positiver bewertet werden als in weniger angenehm gestalteten Kliniken (Rehn & Schuster, 2017).

Es müsste gemütlich eingerichtet sein. So das in erster Linie es so aussieht wie ein Behandlungszimmer. […] der Blick sollte auch auf etwas anderes fallen, vielleicht ein schönes Bild oder so, als wenn man da jetzt diese offenen Spritzenschatullen sieht oder sowas nein.”

PAB (2) Patientin über positive Umgebungsfaktoren im Krankenhaus

Mit allen Sinnen

Die bisherigen Aspekte beziehen sich vor allem auf visuelle Eindrücke – Welche Aussicht ist vorteilhaft? Welche Farben tragen zum Wohlbefinden bei? Doch das ist nicht unsere einzige Sinnesmodalität.

Schließen Sie nun für einen kurzen Moment die Augen und achten Sie darauf, was Sie wahrnehmen können, wenn Ihr Sehsinn abgeschaltet ist.

Was hören Sie?

Wonach riecht es gerade?

Wie fühlt sich der Untergrund an, auf dem Sie sitzen?

Denken Sie noch einmal an die beiden Räume zu Beginn zurück. Was glauben Sie, wie es in dem fensterlosen Raum riechen würde? Was würden Sie hören? Und was spüren Sie in dem hellen Raum?

[…] diese ganz fiesen Desinfektions- und Jod-Gerüche. Ganz intensiv finde ich die. Und die grellen Lichter. Also wirklich grelle OP Lichter, […] insgesamt Behandlungslichter diese Neonröhren die man manchmal so kennt.”

PAB (3) Patientin über positive Umgebungsfaktoren im Krankenhaus

Um Stress für PatientInnen möglichst gering zu halten lohnt es sich, alle Sinne miteinzubeziehen. So können starke oder unangenehme Gerüche zu Unwohlsein führen. Eine natürliche und dezente Geruchskulisse ist daher zu bevorzugen (Koppen & Vollmer, 2021). Auch laute Geräusche können zum Stressempfinden beitragen. Man denke an das Piepsen aus den verschiedensten Quellen, wie es oft mit Krankenhauskontexten assoziiert ist oder an laute Gespräche von MitpatientInnen, die man durch fehlende räumliche Trennung nicht überhören kann. Wenn möglich, sollte die Geräuschkulisse also eher dezent und natürlich gestaltet sein (Koppen & Vollmer, 2021).

Ich finde es gut, wenn es nach Infektionsmitteln riecht. Dann sind die ja im Einsatz. Ich finde es eher schwierig, wenn es nach Menschen riecht. Und was man mit Sauberkeit assoziiert, finde ich gut im medizinischen Umfeld. Helle Sachen und solche in weiß.”

PAB (1) Patientin über positive Umgebungsvariablen

Zusammenfassend lässt sich sagen …

… dass die Gestaltung und Architektur von Krankenhäusern zur Stressreduktion und zum Wohlbefinden beitragen und dadurch auch einen Einfluss auf Behandlungserwartungen nehmen kann.

Die Orientierung möglichst intuitiv und barrierefrei gestalten

(z. B. durch Schilder, Bodenmarkierungen oder Raumnummerierung)

Menschliche Proportionen in Räumlichkeiten schaffen

(keine riesigen Hallen und langen Korridore)

Stationsnamen mit Bedacht wählen

(„Station für Herzgesundheit“ anstatt „Infarktstation“)

Aufenthaltsmöglichkeiten für Besuchende anbieten

(z. B. Sitz- gelegenheiten)

Ablenkungsmöglichkeiten

(z. B. Bildschirme mit wechselnden Bildern/Informationen/Videos; Zeitschriften)

Natürliches Licht und Aussicht in die Natur ermöglichen

In Mehrbettzimmern Rückzugsmöglichkeiten schaffen und Privatsphäre gewähren

Nicht zuletzt kann auch das medizinische Personal als Teil des Behandlungskontextes gesehen werden. So macht es zum Beispiel einen Unterschied, ob BehandlerInnen im typischen weißen Kittel auftreten oder Alltagskleidung tragen. Dieses Phänomen hat sogar einen Namen: Der sogenannte Weißkitteleffekt bezieht sich darauf, dass der Blutdruck vieler PatientInnen steigt, wenn sie einer ärztlichen Person im weißen Kittel gegenübertreten.

Das soll allerdings nicht heißen, dass der weiße Kittel besser im Schrank bleiben sollte. Es geht darum, ein Bewusstsein für die Wirkung der Umgebung und des eigenen Auftretens zu schaffen. Denn: Erst wenn man um die möglichen Einflussfaktoren weiß, kann man ihnen angemessen begegnen. Und zum Beispiel den bedrohlichen weißen Kittel mit einem Lächeln und mit Freundlichkeit ausgleichen.

Und auch wenn einige Aspekte der Umgebungsgestaltung nicht leicht veränderbar sind, kann man auch als Einzelperson einen Unterschied bewirken, indem man auf seine Umgebung achtet. Ist es sauber? Gibt es Möglichkeiten, Ihren PatientInnen Privatsphäre zu gewähren? Wie ist die Geräuschkulisse? Gibt es Ablenkungen im Wartezimmer? An einigen Stellen können Sie vielleicht direkt selbst eine positive Veränderung einleiten oder es ist möglich, es an eine andere Stelle weiterzuleiten. Wichtig ist aber: Um ein Problem zu lösen, muss man es erst einmal erkennen. Also, fangen Sie damit an, Ihre Umgebung wirklich zu sehen.

Also ich finde es ist cool, wenn man in so eine Hightech Praxis kommt. Aber es ist die Atmosphäre der Pflege des Pflegepersonals und der Ärzte, wie die miteinander reden, sind die gestresst? Haben die das im Griff? Wie nehmen die die Sachen? Nehmen die das mit Humor. […] dass man so einen Team Spirit hat, […] man merkt das als Patient ob es ein gutes eingespieltes Team ist oder nicht. Das ist sehr, sehr wichtig.”

PAB (1)