Lernprozesse

Kurz gesagt

  • Erwartungen basieren unter anderem darauf, was wir in der Vergangenheit erlebt oder gelernt haben.
  • Lernen geschieht dabei über verschiedene Wege – z.B. über Gesagtes (verbale Instruktionen, die eigenen Erfahrungen (Konditionierung) und über die Beobachtung anderer (soziales Lernen).
  • Diese Lernmechanismen können auch in der medizinischen Praxis genutzt werden, um gezielt Behandlungserwartungen positiv zu beeinflussen.

Heilsame Worte

Frau Eremin ist Physiotherapeutin im Krankenhaus und betreut dort unter anderem Menschen nach Hüftoperationen Rehabilitation. Es ist ihr wichtig, die PatientInnen schon früh nach der OP zu aktivieren, um so möglichst gut zu rehabilitieren und zeitnah wieder ein gutes Funktionsniveau zu erreichen.

An diesem Nachmittag steht der erste Termin mit Frau Delens an, die am Vortag operiert wurde. Bei einem Gespräch mit der behandelnden Ärztin erfuhr Frau Eremin, dass die Patientin zunächst sehr skeptisch war, schon so kurz nach der OP mit der Physiotherapie zu beginnen. Ihr machten insbesondere die Schmerzen Sorge, die sie dabei erwartete.

Im Zimmer von Frau Delens liegt auch Frau Solle, die ebenfalls an der Hüfte operiert wurde und mit der Frau Eremin seit ein paar Tagen bereits gut zusammenarbeitet.

Bei Betreten des Zimmers begrüßt sie die beiden Patientinnen und stellt sich Frau Delens als Physiotherapeutin vor. Ihr fällt auf, dass beide recht guter Stimmung sind. Frau Eremin kündigt an, zunächst Frau Solle zu behandeln, damit Frau Delens sich schon einmal einen Eindruck verschaffen kann, wie so eine Behandlung abläuft. Der Physiotherapeutin ist gerade bei unsicheren PatientInnen sehr daran gelegen, sich langsam heranzutasten. Bei der Behandlung von Frau Solle stellt sie fest, dass diese innerhalb weniger Tage schon gute Fortschritte gemacht hat. Außerdem berichtet Frau Solle, die Schmerzen seien schon viel besser geworden und sie freue sich schon darauf, bald wieder spazieren zu gehen.

Nachdem die Übungen abgeschlossen sind, widmet sich Frau Eremin ihrer zweiten Patientin. Ein bisschen überrascht stellt sie fest, dass von der beschriebenen Skepsis von Frau Delens nichts mehr zu spüren ist. Im Gegenteil, sie lässt sich bereitwillig auf die Mobilisierungsübungen ein und die Aktivierung des Bewegungsapparats funktioniert gut.

Frau Eremin weiß, dass der Heilungsprozess durch die Übungen gut unterstützt wird und Komplikationen gleichzeitig verringert werden. Zufrieden schließt sie den ersten Termin ab.

Was, glauben Sie, hat dazu geführt, dass Frau Delens anders auf die Behandlung reagiert hat als erwartet?

Nach der Behandlung kann die Therapeutin nicht umhin ihre Patientin auf den Stimmungswandel anzusprechen.

Da lacht Frau Delens und deutet auf ihre Zimmernachbarin. Sie erklärt, dass Frau Solle ihr gestern Abend ausführlich berichtet habe, wie gut die Therapie laufe, welche Fortschritte sie schon nach so kurzer Zeit bemerke und was sie sich für die nächsten Monate schon alles vorgenommen habe. Dieser Optimismus sei irgendwie ansteckend gewesen. Als sie dann noch mit eigenen Augen gesehen habe, wie gut die Therapie bei Frau Solle verlaufen sei, habe das auch die letzten Zweifel zerstreut.

Frau Eremin ist erstaunt und erfreut. Dass eine optimistische Mitpatientin eine solche Wirkung hat, hätte sie nicht
für möglich gehalten.

Theoretischer Hintergrund

Kann es wirklich so einfach sein? Können ein paar aufmunternde Worte wirklich schon ausreichen für solch einen Sinneswandel? Die kurze Antwort lautet: Ja, denn unsere Mitmenschen haben einen großen Einfluss auf uns und unsere Erwartungen.

Als soziale Wesen ist es überlebenswichtig, dass wir uns von anderen beeinflussen lassen und von ihnen lernen Entwicklungsgeschichtlich ergibt das auch durchaus Sinn. Sieht man zum Beispiel, dass jemand sich übergibt, nachdem er oder sie einen bestimmten Pilz gegessen hat, wird man sich diesen Pilz besonders gut merken und zukünftig einen großen Bogen um ihn machen. Wenn man andererseits mitbekommt, dass jemand mithilfe von wenigen Hilfsmitteln ein Feuer entfachen kann, dass Wärme und Licht spendet, wird man sich Mühe geben, sich die gleiche Technik anzueignen.

Dieses soziale Lernen oder Modelllernen (Bandura, 1976) ist ein wichtiger Bestandteil unseres Alltags und unserer Zivilisation. Denn nach der sozial-kognitiven Lerntheorie lernen Menschen nicht nur durch Versuch und Irrtum (behavioristische Theorien), sondern auch durch die Beobachtung anderer Menschen.

Aber zurück zur Gegenwart: Wir lernen voneinander, sei es durch reine Beobachtung oder durch direkte Kommunikation. Das geht soweit, dass wir durch Beobachtung sogar lernen können, Schmerz weniger zu spüren.

Weniger Schmerz durch soziales Lernen

Dass das funktioniert, konnte bereits experimentell (Colloca & Benedetti, 2009) gezeigt werden. In einer Studie beobachteten Versuchspersonen eine andere Person dabei, wie diese Schmerzreize erhielt und währenddessen entweder eine rote oder eine grüne Lampe leuchtete. Während die grüne Lampe leuchtete, zeigte die beobachtete Person weniger Schmerzen, als wenn die rote Lampe leuchtete. Später erhielten die Versuchspersonen selbst ebenfalls Schmerzreize und bewerteten deren Intensität während der grünen Beleuchtung als geringer als während der roten. Und das, obwohl die Intensität der Schmerzreize in beiden Bedingungen gleichblieb.

Ob und wie gut soziales Lernen funktioniert, hängt unter anderem davon ab, wie aufmerksam wir bei der Beobachtung sind, wie sehr wir uns mit dem beobachteten Modell identifizieren können, in welcher Beziehung wir zu ihm stehen, ob das beobachtete Verhalten für uns realistisch ausführbar scheint und letztlich, ob wir überhaupt einen Nutzen darin sehen, es zu lernen (Scheele, 2022). Also: Nur, weil man jemanden nebenbei dabei beobachtet, wie er einen Handstand macht, heißt das noch lange nicht, dass man das plötzlich ohne Weiteres nachahmen kann.

Aber nicht nur unsere Mitmenschen beeinflussen unsere Erwartungen – auch unsere Erfahrungen tun dies, und zwar häufig über klassische und instrumentelle Konditionierung. (Für detailliertere Informationen zu dem Thema siehe: Verweis Nocebo Kapitel).

Kurz gesagt bedeutet klassische Konditionierung, dass wir eine Assoziation zwischen einem neutralen und einem für uns bedeutsamen Reiz dann erlernen, wenn diese wiederholt zusammen präsentiert werden (Wolter & Walther, 2021). Also: Hat es im Haus Ihrer Großeltern beispielsweise immer nach Lavendelseife gerochen, werden Sie auch später direkt an Oma und Opa denken, wenn Sie Lavendelduft wahrnehmen. Oder hat Ihre Mutter Sie als Kind bei Erkältungen mit Tigerbalsam eingerieben, wird der Geruch von Tigerbalsam auch im Erwachsenenalter ein wohliges Gefühl auslösen, auch wenn Sie sich längst selbst damit einreiben. Aber auch negative Erfahrungen können konditioniert werden: Wenn Sie als Kind bei Übelkeit immer Fencheltee bekommen haben, würden Sie diesen heute als Erwachsener vielleicht eher im Regal stehen lassen.

Weniger Schmerz durch Assoziation

In der oben genannten Studie (Colloca & Benedetti, 2009) zum Schmerzempfinden nach Beobachtung wurde auch diese Art des Lernens mit einer weiteren Experimentalgruppe untersucht. Die Teilnehmenden dieser Gruppe bekamen zunächst bei grünem Licht tatsächlich weniger intensive Schmerzreize als bei rotem, assoziiertem also verschiedene Reizintensitäten mit verschiedenen Farben. Das führte dazu, dass sie den Schmerz während des grünen Lichtes auch dann noch als geringer bewerteten, als sich die Reizintensität zwischen grünem und rotem Licht in einer späteren Aufgabe nicht mehr unterschied.

Bei der instrumentellen Konditionierung geht es wiederum darum, durch Konsequenzen die Auftretens-wahrscheinlichkeit von Verhalten zu verändern (Stangl, 2025). Es wird daher auch “Lernen-am-Erfolg” oder “Lernen durch Versuch und Irrtum” genannt. Im Klartext heißt das: Wird ein Verhalten bestraft, tritt es daraufhin weniger häufig auf, wird es belohnt, tritt es häufiger auf. Im Alltag finden wir zahlreiche Beispiele für instrumentelle Konditionierung: Ein Kind, welches von seiner Mutter gelobt wird, nachdem es sich vor dem Essen die Hände gewaschen hat, wird dieses Verhalten in Zukunft mit größerer Wahrscheinlichkeit erneut zeigen, als wenn es kein Lob erhalten hätte. Wer einmal auf eine heiße Herdplatte gefasst hat, wird dies in Zukunft wohl eher unterlassen.

In der Praxis

Zusammengefasst: Erwartungen entstehen unter anderem durch unsere Lernerfahrungen, sei es durch eigene Erlebnisse oder durch Beobachtungen Anderer. Das gilt auch für Behandlungs-erwartungen. Haben wir beispielsweise die Erfahrung gemacht, dass uns Aspirin gegen Kopfschmerzen hilft oder von einem Freund gehört, dass ihm Aspirin immer sehr gut hilft, erwarten wir, dass die Tablette auch uns bei den nächsten Kopfschmerzen helfen wird. Diese Erwartung allein ist so wirksam, dass wir oft schon kurz nach Einnahme der Tablette Linderung verspüren, obwohl der Wirkstoff seine Wirkung so schnell noch gar nicht entfalten dürfte – ein Effekt positiver Erwartungen!

Für die Praxis bedeutet das, dass die gezielte Nutzung von Lernmechanismen ein hilfreiches Mittel zur Förderung positiver Behandlungserwartungen darstellen kann.

Vielleicht haben Sie ja selbst schon ein paar Ideen, wie man solche Lernmechanismen in der medizinischen Praxis nutzen kann, um positive Erwartungen bezüglich Behandlungen zu erzeugen?

Tipps für die Praxis

Vorerfahrungen erfragen

Analoge soziale Netzwerke nutzen

Erfahrungsberichte einbeziehen

Den Informationsfluss lenken

Konditionierung fördern

Suchen Sie sich gerne einen der vorhergehenden Vorschläge aus und versuchen Sie, diesen bei ihrem nächsten PatientInnengespräch umzusetzen.