Realistische Positive Erwartungen

Realistische positive Erwartungen können bedeutend dazu beitragen, wie effektiv und verträglich Behandlungen sind. Mit realistisch ist gemeint, dass die Erwartungen den tatsächlichen Behandlungseffekten nahe kommen und nicht überhöht sind, da dies zu Enttäuschungen führt. Wer als PatientIn vor einer Behandlung oder einer Operation optimistisch ist, hat zum Beispiel eine größere Chance, dass sich die Intensität von Schmerzen nach einer Operation verringert oder sich die Lebensqualität erhöht.

Das funktioniert auch, wenn positive Erwartungen erst durch Behandelnde hervorgerufen oder verstärkt werden. So kann sich zum Beispiel die Wirkung von potenten Schmerzmitteln durch positive verbale Information annähernd verdoppeln.

Diese Effekte lassen sich sowohl auf subjektiver (z. B. Fragebögen) als auch auf physiologischer/ objektiver (z. B. Gehirnaktivität) Ebene zeigen. Wichtig ist dabei, die Erwartungen immer mit realistischen und erreichbaren Zielen zu verknüpfen, um (Ent-)Täuschungen zu vermeiden.

Eine detailliertere Beschreibung der Effekte von Erwartungen finden Sie im Folgenden.

Genauer hingeschaut – die empirische Lage

  • Ängste und Erwartungen von PatientInnen haben einen Einfluss auf die Schmerzintensität nach einer OP. Eine prospektive Kohortenstudie (Wang et al., 2018) hat gezeigt, dass die postoperative Schmerzintensität davon abhängig war, wie sehr die PatientInnen vor der OP davon überzeugt waren, nach der OP trotz Schmerzen wieder aktiv sein zu können. Positivere Überzeugungen gingen dabei mit weniger starken akuten Schmerzen Und sogar chronischer postoperativer Schmerz konnte anhand der Ängstlichkeit der PatientInnen vor der OP vorhergesagt werden. So gingen vermehrte Ängste mit stärkeren Schmerzen 4 Monate nach der OP einher.
  • In einer experimentellen Studie haben Bingel und KollegInnen (2011) den Einfluss von verbal induzierten Erwartungen auf die Wirkung eines Schmerzmittels getestet. Dazu wurden gesunde Versuchsteilnehmende in verschiedenen Bedingungen wiederholt einem Hitzeschmerzreiz ausgesetzt. Dazu bekamen alle Versuchspersonen das Opioid Remifentanil per Infusion. Der Unterschied zwischen den Bedingungen bestand dabei allein in der verbalen Information, die entweder positive, negative oder keine Erwartungen bezüglich der analgetischen Wirkung des Medikaments hervorrief. Das erstaunliche Ergebnis: Eine positive Erwartung führte zu einer Verdopplung der schmerzlindernden Wirkung des Medikaments. Eine negative Erwartung (den Teilnehmenden wurde mitgeteilt, dass die Infusion gestoppt wurde) hingegen hob die Wirksamkeit des potenten Medikaments fast vollständig auf. Interessanterweise zeigten bildgebende Verfahren dabei, dass die unterschiedlichen Erwartungsbedingungen jeweils mit unterschiedlich starken Aktivierungen von Schmerz-assoziierten Gehirnregionen einhergingen. Dies deutet darauf hin, dass Hirnmechanismen, die mit der Schmerzkontrolle zusammenhängen, auch durch Erwartungen beeinflussbar sind.
  • Aber nicht nur bei Gesunden konnten diese Effekte gezeigt werden. Auch bei Patientinnen und Patienten, die sich einer Herz-OP unterziehen mussten, hatten Erwartungen einen langfristigen Einfluss (Rief et al., 2017), wie eine andere Studie gezeigt hat.
    • Die Patientinnen und Patienten wurden für die randomisierte klinische Studie in drei Gruppen aufgeteilt:
      • Eine Kontrollgruppe erhielt die medizinische Standardversorgung ohne psychologische Interventionen.
      • Eine Unterstützungsgruppe erhielt therapeutische Interventionen, bei der man sich auf entstehende Ängste und Emotionen bezüglich der OP fokussiert hatte.
      • Eine Erwartungsgruppe erhielt therapeutische Interventionen, bei denen realistische positive Erwartungen bezüglich der OP und des Genesungsprozesses im Vordergrund standen. Die Teilnehmenden dieser Gruppe sollten sich zum Beispiel vorstellen, was sie nach der OP gerne wieder in ihrer Freizeit unternehmen würden.
    • Sechs Monate nach dem Eingriff wiesen sowohl die Unterstützungs- als auch die Erwartungsgruppe signifikante Verbesserungen gegenüber der Kontrollgruppe auf: Sie waren körperlich aktiver und hatten weniger Krankheitsängste. Die Erwartungsgruppe zeigte aber darüber hinaus auch signifikante Verbesserungen im subjektiven Behinderungsgrad, der subjektiven Arbeitsfähigkeit und der psychischen Lebensqualität.
    • Bemerkenswert ist auch, dass nicht nur die subjektiven Parameter sich nach der OP sich zwischen den Gruppen unterschieden, sondern dass die beiden Interventionsgruppen auch Verbesserungen in objektiv gemessenen Entzündungsparametern, oder verhaltensrelevanten Outcomes wie „return to work“ aufwiesen.

In der Praxis

Diese wichtigen Erkenntnisse werfen die Frage auf, wie sich diese Erwartungseffekte im medizinischen Alltag nutzen lassen. Wie kann es gelingen, aktiv realistische positive Erwartungen bei PatientInnen zu fördern und damit die Behandlung und ihr Ergebnis positiv zu beeinflussen?

Die Antwort: mit Hilfe von Kommunikation. In allen vorgestellten Studien hat eine positive Kommunikation dabei geholfen, Erwartungen günstig zu beeinflussen. Da ein Großteil medizinischer Kommunikation verbal verläuft, ist es also ganz entscheidend, wie etwas formuliert ist, wenn man positive Erwartungen erzeugen möchte.

Im Folgenden geht es daher um verschiedene Möglichkeiten, wie Sie verbale Kommunikation gezielt einsetzen können, um realistische und gleichzeitig positive Erwartungen zu fördern.

Übungen

  • In der deutschen Sprache nutzen wir oft unbewusst negative Formulierungen, um etwas Positives auszudrücken. Wenn etwas „gar nicht schlecht“ ist oder man „nicht meckern kann“ bedeutet das, dass etwas eigentlich völlig in Ordnung oder sogar gut ist. Im medizinischen Alltag bewirken solche verneinten Negativaussagen jedoch oft etwas ganz anderes. Wenn dort etwas „fast gar nicht wehtut“ oder man „keine Angst haben muss“ führt das bei den PatientInnen eher zu Alarmbereitschaft und Skepsis.
  • Daher gilt als Daumenregel Positive Formulierungen = Positive Erwartungen (z. B. „Durch diese Tablette wird es Ihnen gleich besser gehen“).
  • Wichtig ist aber, dass positiv hier keineswegs unrealistisch heißt: PatientInnen unrealistische Versprechungen zu machen mag im ersten Moment zu Hoffnung und Zuversicht führen, dafür ist aber der Schaden umso größer, wenn diese Hoffnungen enttäuscht werden. Sie riskieren dabei langfristig das Vertrauen Ihrer PatientInnen.
Übung: Positive Formulierungen I
Zweimal Nein ist noch nicht Ja

Hier sind ein paar klassische Formulierungsbeispiele. Überlegen Sie, wie man die Aussagen positiver formulieren könnte, bevor Sie sich die Lösungsvorschläge ansehen.

Unter „framing“ versteht man, dass inhaltlich gleiche Informationen zu unterschiedlichen Wirkungen bei den EmpfängerInnen führen, je nach dem in welchen Rahmen sie eingebettet werden. Ein Beispiel dafür wäre die Vermittlung von Nebenwirkungen: Hier führt „Bei 10% der PatientInnen treten Nebenwirkungen auf.“ zu einer stärkeren Erwartung dieser Wirkung als „Bei 90% der PatientInnen treten keine Nebenwirkungen auf.“

  • Mit dem Primacy- und Recency Effekt kann man sich die natürlichen Lernmechanismen des Gehirns zunutze zu machen. Informationen, die zu Beginn (Primacy) oder am Schluss (Recency) eines Textes, Gesprächs oder Ähnlichem übermittelt werden, bleiben besser im Gedächtnis haften als Informationen, die in der Mitte vorkommen.
  • Um also realistische, positive Erwartungen zu erzeugen, sollte man auf die Reihenfolge der Informationen achten, denn so entscheidet sich, was bei den EmpfängerInnen mehr und was weniger stark gewichtet wird.
  • Bei der Aufklärung zu Wirkung und Nebenwirkungen ist es daher zum Beispiel von Vorteil, den Nutzen und die Wirkung der Behandlung schon zu Beginn in den Vordergrund zu stellen und dann am Ende noch einmal zusammenzufassen.
Übung: Primacy und Recency Effekt

Bringen Sie die Passagen der Impfaufklärung in die richtige Reihenfolge, um damit Primacy- und Recency Effekte auszunutzen:

Gerade wenn es um die eigene Gesundheit geht, können doppeldeutige oder uneindeutige Formulierungen schnell zu Unsicherheit oder Ängsten führen und Behandlungserwartungen negativ beeinflussen. Formulierungen, wie „Wir bringen Sie jetzt runter.“ oder „Wir holen jetzt was aus dem Giftschrank.“ mögen für medizinisches Personal alltäglich sein und einfach bedeuten, dass sie jemanden eine Etage tiefer verlegen und ein Medikament aus dem Medikamentenschrank holen. Manche betroffenen Personen hingegen denken sofort an den Leichenkeller oder fürchten eine Vergiftung.