Die Macht der Erwartung in der Medizin

Placebo- und Noceboeffekte kennenlernen –

und dadurch wirksamer kommunizieren

The good physician treats the disease; the great physician treats the patient who has the disease.”
William Osler (1849–1919)
William Osler
William Osler
Der kanadische Mediziner rückte die ärztliche Ausbildung näher ans Krankenbett und gilt als ein Vater der modernen Medizin.
Empathische Ärztin
Zugewandte Medizin
Eine gute Arzt-Patienten-Beziehung ist eine wesentliche Grundlage für eine erfolgreiche Therapie

Alte
Weisheiten
neu
entdeckt

Die moderne Hochleistungsmedizin setzt immer neue Technologien und Methoden ein, um weitere Fortschritte in der Behandlung von Erkrankungen zu erzielen. Wir erkennen heute millimetergenau Strukturen im Inneren unseres Körpers, fahren mit Linsen und Werkzeugen durch Blutbahnen, können mit computerdesignten Antikörpern gezielt einzelne Oberflächenproteine von Viren oder Krebszellen angreifen. All das ist ein Segen – einerseits.

Andererseits schafft die Technik auch eine Distanz zwischen den Patientinnen und Patienten und ihren Behandelnden. Ärztinnen und Ärzte wirken in diesem Kontext so manches Mal nur noch wie Techniker, die eine Abfolge von Diagnoseschritten nach der Standard Operating Procedure beherrschen und Therapieverfahren gemäß der Evidence based medicine durchführen sollen. Doch zwischen SOPs, EBM und der nächsten Leitlinie kann leicht eine heilende Kraft aus dem Blick geraten, die nicht modernen Geräten entspringt.

Die Macht der Erwartung nutzen

Dabei ist die ärztliche Kunst des Heilens ungefähr so alt wie die Menschheit selbst, und sie verstand dabei stets in besonderer Weise, auch die Macht der Erwartungen zu nutzen. Denn es ist nicht allein der Wirkstoff eines Medikaments oder der Effekt einer Prozedur, die zu einer Verbesserung der Beschwerden eines Menschen führen: Auch die Erwartung oder der Glauben an die Heilung wirkt.

Wer erfolgreich behandeln möchte, sollte daher zwei bedeutsame Faktoren berücksichtigen: den Behandlungskontext und die Arzt-Patientenbeziehung. Das gilt gerade auch im Zusammenhang mit leitliniengerechten Therapien und den modernsten Behandlungsansätzen, da Erwartungseffekte die Wirkung jedes Medikaments und jeder Behandlung verstärken können – und helfen können, Nebenwirkungen zu vermeiden. Wie das gelingen kann, erklärt diese Website.

Wissen und Training für wirksamere Therapien

Der folgende Artikel bietet eine Einführung in die psychologischen und neurobiologischen Grundlagen von Erwartungseffekten in der Medizin. Das Ziel ist, die eigenen Kommunikationsstrategien und den Behandlungskontext zu optimieren, um unter Einhaltung ethischer Grundsätze bestmögliche Behandlungsergebnisse zum Wohle der Patienten zu erreichen.

Die Trainingsmodule ermöglichen es, praxisorientiert und individuell die eigenen Kompetenzen hierzu zu erweitern.

Geschichtlicher Hintergrund

In den Entbehrungen des Zweiten Weltkriegs ging dem amerikanischen Anästhesist Henry Beecher wiederholt das Morphium aus. Als er bemerkte, dass die Gabe von Kochsalzinfusionen anstelle des nicht verfügbaren Schmerzmittels zu einer erstaunlichen Schmerzlinderung bei den unwissenden Soldaten führte, begründete er die Placeboforschung – und beförderte in der Folge die Entwicklung klinischer (placebokontrollierte) Studien, aber auch der modernen Medizin allgemein.

Henry Beecher: Der Mann, der den Placeboeffekt ins Licht rückte

In den Wirren des Zweiten Weltkriegs stieß der amerikanische Anästhesist Henry Beecher auf eine der faszinierendsten Entdeckungen der modernen Medizin: den Placeboeffekt. Während seiner Arbeit an der Front ging Beecher regelmäßig das Morphium aus, das er zur Schmerzlinderung bei verletzten Soldaten einsetzte. Verzweifelt griff er zu einer Täuschung: Er injizierte den Patienten eine Kochsalzlösung, erklärte ihnen aber, es handele sich um ein starkes Schmerzmittel. Zu seiner Überraschung linderte die Placebo-Injektion die Schmerzen vieler Soldaten tatsächlich – allein durch ihren Glauben an die Wirkung des vermeintlichen Medikaments.

Nach dem Krieg begann Beecher, die Kraft von Scheinbehandlungen systematisch zu erforschen. In den 1950er Jahren veröffentlichte er seine bahnbrechende Studie „The Powerful Placebo“, in der er zeigte, dass ein beträchtlicher Anteil der beobachteten therapeutischen Effekte in klinischen Studien auf den Placeboeffekt zurückzuführen war. Seine Arbeit revolutionierte die medizinische Forschung und führte zur Einführung der doppelblinden, placebokontrollierten Studien, die bis heute als Goldstandard für die Prüfung neuer Medikamente gelten.

Beecher war damit ein Pionier auf diesem Feld, der Grundsätze des ärztlichen Handelns auch auf dem Gebiet der Medizinethik veränderte. Kritisch betrachtet wird heute jedoch seine Beteiligung an Experimenten der CIA, die heutigen ethischen Standards nicht genügen.

Egmont R. Koch, Michael Wech: Deckname Artischocke. Die geheimen Menschenversuche der CIA. Bertelsmann 2003

Große Wirkung zum kleinen Preis: Placebos in der Medizin

Als Placebo (lateinisch: „ich werde gefallen“) gelten im engeren Sinne Scheinmedikamente, die keinen pharmakologischen Wirkstoff und allenfalls Hilfsstoffe wie Geschmacks- oder Farbstoffe besitzen. Im weiteren Sinne können auch Prozeduren wie Scheinoperationen gemeint sein.

Effekte von Placebos werden in einer zunehmenden Zahl von Erkrankungen berichtet. Hierunter finden sich Psoriasis, Reizdarm, Asthma und viele weitere. Die Effektstärken variieren hierbei deutlich zwischen den Erkrankungen sowie interindividuell. Die Wirksamkeit von Placebos scheint insbesondere bei Schmerz und Depression, aber auch bei Angsterkrankungen besonders hoch zu sein: Bis zu 70% der gesamten therapeutischen Wirkung könnten dort auf Placeboeffekte zurückgehen. (Moore  et al., 2014; Matsingos et al., 2024). Sie ist nicht nur auf die von Patienten berichteten Symptome abzuleiten, sondern auch von objektiv messbaren physiologischen Funktionen wie Herzfrequenz, Blutdruck, aber auch Lungenfunktion, Blutzuckerspiegel oder Immunfunktion (Meissner, 2014; Park et al., 2016; Kirchhof et al., 2018).

Was sind Placeboeffekte?

Der Nutzen einer – z.B. pharmakologischen – Behandlung setzt sich zusammen aus dem Verumanteil, der auf der tatsächlichen Wirkung des Medikaments oder des Eingriffs beruht, und aus dem Placeboanteil, bei dem verschiedene Effekte wirken.

In klinischen Studien ist immer ein Teil der Wirkung auf den natürlichen Verlauf der Erkrankung zurückzuführen.

Hinzu kommen weitere unspezifische Effekte wie z.B. der Hawthorne-Effekt: Probanden verhalten sich anders, wenn sie wissen, dass sie an einer Studie teilnehmen.

Darüber hinaus tragen jedoch immer auch Placeboeffekte zum Nutzen einer Behandlung bei, die in gewissem Maße veränderbar sind. Darunter versteht man eine positive Veränderung der Erkrankung aufgrund der Behandlungserwartungen der Patienten und Patientinnen.

Die eigentliche Wirkung der Therapie, der Verumeffekt, lässt sich daher nur im Vergleich mit Probanden ermitteln, die statt des Wirkstoffs ein Placebo erhalten haben.

Klinische Studien

Klinische Studien hoher Qualität sind in der Regel placebokontrolliert (so genannte „randomized controlled trails“, RCT), um die spezifischen Effekte eines Wirkstoffes oder einer Prozedur nachzuweisen. In der Auswertung kann dann auch der Placeboanteil erkannt werden. Leider ist es nur sehr selten möglich, diesen Anteil weiter zu differenzieren und zu bewerten, da häufig keine sogenannten „natürlichen“ (also nicht behandelten) Kontrollgruppen in den Studien enthalten sind. Nur diese würde es erlauben, den natürlichen Verlauf der Erkrankung von den echten Placeboeffekten zu unterscheiden. Gründe hierfür sind in der Regel ethische Aspekte im Rahmen der Nicht-Behandlung.

Auch ist nicht immer eine doppelte Verblindung möglich, bei der weder Probanden noch Studienärzte über die Zuweisung zur Verum- und Placebogruppe informiert sind. Insbesondere bei nicht-medikamentösen Therapien wie Schein-Prozeduren ist es schwierig, einen operativen Eingriff realitätsnah und ethisch vertretbar nachzuahmen.

Dabei können solche sorgfältig verblindeten Studien wichtige Erkenntnisse und aufsehenerregende Ergebnisse bieten: So zeigte eine hochrangig publizierte Studie aus dem Jahr 2002, dass ein arthroskopischer Eingriff (Débridement) bei Patienten mit Kniegelenks-Arthrosen über einen Beobachtungszeitraum von 24 Monaten einen ähnlich großen Effekt auf die Schmerzlinderung und Kniegelenksfunktion hatte als eine Placebo-Operation.

Um in Studien bessere Aussagen über die Größe des Placeboeffektes zu erhalten, wurde ein Balanced Design vorgeschlagen, in dem für jede Gruppe zusätzlich noch zwischen einer offenen (= informierten) Therapie und einer verdeckten (= keine Erwartung) differenziert wird.

Placeboeffekte sind keine Einbildung. Positive Erwartungen an die Therapie können die „körpereigene Apotheke“ aktivieren und zu messbaren Veränderungen führen.
Ulrike Bingel
Sprecherin des SFB/TRR 289

Verschiedene Hirnareale und -netzwerke sind bei einer erwartungsgesteuerten Schmerzlinderung stärker oder weniger stark aktiv. Der dorsolaterale präfrontaler Cortex (DLPFC) ist aktiver bei einer Schmerzlinderung nach positiver Erwartung. Der vordere Anteriorer cingulärer Cortex (ACC) verarbeitet kognitiv die Schmerzempfindung und spielt vermutlich eine Rolle bei Erwartungshaltung, Entscheidungsfindung und Emotionen. Durch die Verbindungen zum periaquäductale Grau (PAG) im Hirnstamm können Schmerzreize bei der Weiterleitung ins Rückenmark gehemmt werden. Die Amygdala (Am) als Teil des limbischen System steuert die emotionale Komponente in der Schmerzwahrnehmung. Der Nucleus accumbens (NAc), Teil des Belohnungssystems, greift dagegen wohl über den Neurotransmitter Dopamin in die Steuerung der Placeboanalgesie ein.

Wo entstehen Placeboeffekte?

Nicht ohne Grund fand Henry Beecher bei der Durchführung einer Analgesie eindrückliche Placeboeffekte, die ihn zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema bewegten. Wirkungen der Placeboanalgesie also von Placeboeffekten bei Schmerz, können je nach Kontext sehr bemerkenswert sein. Daher sind Erwartungseffekte in der Schmerztherapie bis heute der am besten untersuchte Bereich innerhalb der gesamten Placeboforschung.

Ein Meilenstein hier war die Entdeckung, dass das körpereigne Opioidsystem eine wichtige Rolle in der Vermittlung der Placeboanalgesie spielt. In einem Experiment aus den 1970er Jahren konnte erstmals eine Placeboanalgesie durch die Blockade von Opioidrezeptoren mittels Naloxon aufgehoben werden. In der Folge wurden weiteren Botenstoffe wie das dopaminerge aber auch das Cannabinoid-System entdeckt, die in unterschiedlichem Maße Placeboeffekte modulieren.

Durch Entwicklungen der modernen Bildgebung wie der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) oder der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) lassen sich Rezeptoren, aber auch die beteiligten neuronalen Netzwerke im Gehirn zu Teilen sichtbar machen. Eine Placeboanalgesie zeigte eine Aktivierung in ähnlichen Hirnregionen wie bei der Verumgruppe.

Nicht nur beim Schmerz, sondern auch bei anderen Symptomen und Erkrankungen konnten erstaunliche physiologische Veränderungen bei Placeboeffekten nachgewiesen werden.

Große Aufmerksamkeit aus dem Bereich der degenerativen Erkrankungen bekam eine PET-Studie aus dem Jahr 2001 [Link], in der Parkinsonpatienten eine Placebotherapie erhielten.  Es zeigte sich, dass diejenigen Patienten, die einen deutlich verbesserten klinischen Befund auf die Scheinbehandlung zeigten, eine vermehrte Bindung von körpereigenem Dopamin an den Rezeptoren aufwiesen. Demnach führte allein die Erwartung, eine wirksame Therapie zu erhalten, zu einer vermehrten Dopaminbindung und in der Folge zu einer Verbesserung der Symptomatik.

Wie entstehen Placeboeffekte?

Placeboeffekte werden im Wesentlichen durch die Behandlungserwartung hervorgerufen, welche durch unterschiedliche Erfahrungen und Lernprozesse sowie durch individuelle Persönlichkeitsmerkmale geprägt wird. Diese Variablen spielen je nach Symptomatik bzw. Erkrankung  in unterschiedlichem Maße eine Rolle und interagieren miteinander.

Die Rolle der Erwartungseffekte beim Schmerz konnte eindrücklich in einem Experiment mit dem äußerst wirksamen Schmerzmittel Remifentanil aufgezeigt werden.

Auch im perioperativen Setting konnte durch die gezielte Förderung positiver Therapierwartung dass Outcome hinsichtlich subjektiver und objektiver Parameter verbessert werden, dies sogar im Rahmen einer Bypass-OP am Herzen (PSY-HEART).

Diese und viele andere Studien zeigen, dass Erwartungseffekte keineswegs nur bei Placebobehandlungen auftreten, sondern auch echte Therapien begleiten. Dies gilt für medikamentöse Ansätze, bei Operationen, bei Physiotherapien und auch in der Psychotherapie.

Erwartungshaltung

Viele Faktoren spielen eine Rolle bei der Erwartungshaltung.

Verbale Äußerungen

Was Freunde, MitpatientInnen, medizinisches Personal und andere über eine Behandlung sagen, z.B. ob sie hilfreich war.

Lernen & Gedächtnis

Wissen, z.B. aus den Medien und sozialen Netzwerken, aber auch eigene positive wie negative Erfahrungen mit Behandlungen sowie das Beobachten anderer PatientInnen.

Gene & Persönlichkeit

Die genetische Ausstattung und Merkmale wie Ängstlichkeit oder Optimismus bestimmen zum Teil, wie Menschen auf eine Behandlung reagieren.

Kontextfaktoren

Wie freundlich und zugewandt die behandelnde Person ist, das Ambiente des Behandlungsraumes, was in der Umgebung in Bezug auf die Behandlung passiert.

Neben den eben beschriebenen Faktoren lassen sich bestimmte Placeboeffekte auch mit den Theorien der klassischen Konditionierung erklären. Hierbei führt die wiederholte Kopplung eines zunächst neutralen Stimulus (z.B. grüne Erdbeer-Lavendel-Milch) mit der reellen pharmakologischen Wirkung eines Präparats (Immunsuppressivum Cyclosporin A) dazu, dass in der Folge auch der nun konditionierte Stimulus allein ohne Wirkstoff eine spezifische Wirkung (Immunsuppression) entfaltete.

Auch in anderen körperlichen Systemen (Schmerz-, motorisches, autonomes Nervensystem etc.) konnte dies demonstriert werden.

Unterschiede in den körperlichen Systemen

Interessanterweise variiert der Einfluss der jeweiligen Faktoren der Erwartung auf die Entstehung des Placeboeffekts in unterschiedlichen körperlichen Systemen. Während Placeboeffekte bei Schmerz, Stimmungen (z.B. Depression) und der Motorik sowohl experimentell als auch klinisch stark von verbalen Äußerungen und Kontextfaktoren beeinflusst werden, konnte bislang kein bedeutender Einfluss von gezielter Kommunikation auf autonome Körperfunktionen wie die Ausschüttung von Hormonen oder Immunreaktionen nachgewiesen werden. Diese sind offenbar vorwiegend durch Konditionierungsvorgänge modulierbar.

Interindividuelle Unterschiede

Die Vorhersagen unseres Gehirns hängen zu einem Großteil von den individuellen persönlichen Erfahrungen, den Beobachtungen bei anderen, dem soziokulturellen Hintergrund, aber auch von aktuellen Stimmungen ab. Schon hier wird schnell deutlich, dass generalisierende Aussagen zur klinischen Nutzung von Erwartungseffekten nur schwer zu treffen sind. Welche Merkmale bei einzelnen Personen einen besonders günstigen Placeboeffekt auslösen ist Gegenstand aktueller Forschung.

Mögliche Prädiktoren für die individuelle Fähigkeit eine Placeboantwort in bestimmten körperlichen Systemen zu generieren, scheinen vornehmlich psychologische Variablen wie Ängstlichkeit, das Ausmaß an Depressivität oder Optimismus zu sein. Weiterhin wird auch ein genetischer Anteil angenommen, wie eine Studie von Patientinnen und Patienten mit Reizdarmsyndrom belegt.

Noceboeffekte

Erwartungen können auch negative Auswirkungen auf das Behandlungsergebnis haben. Dies wird als Noceboeffekt (von lateinisch nocere: „ich werde schaden)“ bezeichnet.

Was sind Noceboeffekte?

Wie beim Placeboeffekt sind es auch hier insbesondere subjektiv wahrgenommene Symptome wie Schmerzen, die durch eine negative Erwartungshaltung deutlich beeinflusst werden. Dieser Animationsfilm erklärt den Zusammenhang aus der Sicht eines Rückenschmerzpatienten:

Ob durch das Lesen des Beipackzettels, durch Berichte im Internet, Gespräche mit Behandelnden oder Erzählungen anderer Menschen: Nebenwirkungen treten dann besonders häufig auf, wenn Personen darüber explizit aufgeklärt wurden.

In einer Untersuchung zur sexuellen Dysfunktion unter Finasterid-Therapie berichteten rund 43 % der Männer, die über das „seltene Auftreten von erektiler Dysfunktion, Libidoabnahme und Ejakulationsstörungen“ informiert wurden, von genau diesen Nebenwirkungen. Jedoch gaben nur rund 15 % der Männer solche Symptome an, wenn sie zuvor nicht darüber aufgeklärt worden waren. Der Nocebo-Effekt ist daher auch von hoher sozioökonomischer Bedeutung, da die Therapietreue (Compliance) der Patienten unmittelbar mit der Erwartung möglicher Nebenwirkungen zusammenhängt und daher im sozusagen doppelten Maße über den jeweiligen Therapieerfolg entscheiden kann.

Wie und wo entstehen Noceboeffekte?

Obwohl Noceboeffekte im klinischen Alltag vermutlich eine viel größere Rolle spielen als Placeboeffekte, sind die Mechanismen dahinter deutlich weniger gut aufgeklärt Jedoch erlauben Studien aus den vergangenen Jahren zunehmend Einblicke in die neurobiologischen Grundlagen von Noceboeffekten. Auch sie sind bislang im Schmerzsystem am besten erforscht.

Zum einen verhalten sich einige neuronale Mechanismen gegenläufig zu den von Placeboeffekten bekannten. So führt die Reduktion von endogenen Opioiden und Dopamin zu einer Verstärkung von Schmerzsignalen im Gehirn. Zusätzlich sind manche Mechanismen offenbar spezifisch für Noceboeffekte. So konnte nachgewiesen werden, dass eine durch verbale (negative) Suggestionen ausgelöste Angst vor Schmerzen zu einer Aktivierung von Cholezystokinin  (CCK) führt, welches die Übertragung von Schmerz erleichtert (Hyperalgesie) und durch pharmakologische Blockade von CCK aufgehoben werden kann. Die Erwartung von Schmerz aktiviert zudem die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenachse und steigert dadurch die Kortisolausschüttung. Dieser Mechanismus scheint unabhängig von der CCK-Modulation zu sein. Mithilfe funktioneller Bildgebung wurde die verstärkte Beteiligung von Hirnarealen beobachtet, die für die Schmerzverarbeitung verantwortlich sind. Weiterhin konnten auch in anderen Körpersystemen durch negative Suggestion ausgelöste neuronale Veränderungen nachgewiesen werden, die erweiterte Einblicke in das Zusammenspiel der Komponenten des biopsychosozialen Modells geben.

"I stopped taking the medicine because I prefer the original disease to the side effects."
„I stopped taking the medicine because I prefer the original disease to the side effects.“

Ethische Aspekte

Je mehr die Bedeutung von Placebo- aber auch von Noceboeffekten verstanden wird, desto stärker drängt sich die Frage auf, in welchem Ausmaß die Erwartungshaltung von Patienten durch die behandelnden Personen beeinflusst werden darf. Ist es ethisch vertretbar, Menschen auch außerhalb festgelegter Studienprotokolle zu täuschen, wenn das zu deren eigenen Nutzen ist?

Insbesondere im Hinblick auf den hippokratischen Grundsatz „Primum non nocere“, das heißt zuallererst Schaden vom Patienten abzuwenden, steht die Ärztin oder der Arzt bei der Risikoaufklärung vor einem ethischen Dilemma. Setzt eine Täuschung die Arzt-Patienten-Beziehung aufs Spiel? Schließlich kann eine Patientin oder ein Patient nur dann selbstbestimmt über eine vorgeschlagene Behandlung entscheiden, wenn sie oder er nicht nur über Diagnose und Therapie, sondern auch in ausreichendem Maße über die möglichen Nebenwirkungen unterrichtet wurde.

Ein Ausweg aus diesem Dilemma könnten in bestimmten Fällen Open-Label-Placebos, also offen verabreichte Scheinmedikamente, sein.

Fazit

„Da der Placeboeffekt bei nahezu jeder Behandlung auftreten kann, kommt die Stellungnahme des Wissenschaftlichen Beirats zum Schluss, dass es absolut notwendig und dringlich ist, Ärztinnen und Ärzten bereits in der Ausbildung sowie in der Weiter-und Fortbildung Kenntnisse der Placeboforschung zu vermitteln, um Arzneimittelwirkungen zu maximieren, unerwünschte Wirkungen von Medikamenten zu verringern und Kosten im Gesundheitswesen zu sparen.“
Deutsches Ärzteblatt | Jg. 107 | Heft 28-29 | 19. Juli 2010

Aufgund der immer besseren Datenlage und zunehmenden Wahrnehmung der Bedeutung von Erwartungseffekten in der medizinischen Behandlung finden sich zum Beispiel in der Neuauflage des NKLM (Nationaler Kompetenzkatalog der Medizin) als auch in einigen medizinischen Leitlinien (z.B. S3-Leitlinie der AWMF zur „Behandlung akuter und perioperativer Schmerzen“) zunehmend Empfehlungen, das Potenzial der Placeboeffekte klinisch zu nutzen und Noceboeffekte zu vermeiden. Hierbei sollen nicht etwa effektive medikamentöse Behandlungen durch Placebos ersetzt werden, sondern es gilt den Placeboeffekt als vielfach wirkungsvollen Zusatz zu begreifen, welcher das Potenzial bietet, MEHR aus einer pharmakologischen Therapie oder einer Prozedur zu erhalten. Zudem können im Sinne des hippokratischen Eides Nebenwirkungen reduziert, die Therapietreue verbessert und damit wiederum auch die Arzt-Patienten-Beziehung gestärkt werden.

Jetzt Training starten!

In den nachfolgenden Modulen sind nach kurzer Einführung der spezifischen Grundlagen,sowie der dann darauf aufbauenden Herleitung von Anwendungsstrategien Trainingseinheiten hinterlegt, um ethisch korrekt und wirksam zu kommunizieren.

Die Trainingsmodule ermöglichen es, praxisorientiert und individuell die eigenen Kompetenzen hierzu zu erweitern.
für intern:

Elemente, die wir noch nutzen können:

Info

Als Placebo (lateinisch: ich werde gefallen) gelten im engeren Sinne Scheinmedikamente, die keinen pharmakologischen Wirkstoff und allenfalls Hilfsstoffe wie Geschmacks- oder Farbstoffe besitzen. Im weiteren Sinne können auch Prozeduren wie Scheinoperationen gemeint sein.

Henry Beecher

Als Henry Beecher in den Entbehrungen des 2. Weltkrieges bemerkte, dass die Gabe von Kochsalzinfusionen anstelle des nicht verfügbaren Schmerzmittels zu einer erstaunlichen Schmerzlinderung bei den unwissenden Soldaten führte, begründete er die Placeboforschung, die in der Folge klinische (placebokontrollierte) Studien, aber auch die Entwicklung der modernen Medizin beförderte.